Jüdischer Friedhof Gütersloh
Jüdischer Friedhof Gütersloh

Jüdischer Friedhof Gütersloh

Gütersloh: VHS Spaziergang von der ehemaligen Synagoge zum neuen jüdischen Friedhof

So., 22.02.26, 14:00 – 16:00

Trotz strömenden Regens waren ca. 18 Personen erschienen, um an dem Spaziergang teilzunehmen – die meisten aus unserer OMA Gruppe. Es war ein Erlebnis – und wir werden Herrn Ellermann sicherlich wiedersehen, aber lest selbst:

“Sprachpflege ist Menschenpflege”

Mit Herrn Ellermann als Leiter des Spaziergangs durften wir einen phantastischen Erzähler kennenlernen, der unglaublich viel Fachwissen mitbrachte. Er verstand es, den menschenverachtenden und für viele, viele Beteiligte sehr profitablen Zynismus der NS Zeit auf ganz persönliche und stellenweise wunderbar ironische Weise zu vermitteln und die eindeutigen Parallelen zu heutigen Ereignissen aufzuzeigen.

Er konnte Geschichte(n) wirklich lebendig werden lassen – mit vielen Fakten, Sachkenntnis und ja, auch Humor, trotz des schweren Themas. Denn aus seinen vielen Forschungen und Gesprächen mit Zeitzeugen hat er vor allem eines gelernt: Es geht immer irgendwie weiter und das Einzige, was uns allen hilft, ist das gemeinsame Lachen und die Lebensfreude. Ein beeindruckender Mensch, der immer wieder betonte, wie wichtig es ist, aus der Geschichte für die Gegenwart zu lernen.

Ein Satz von ihm blieb besonders im Gedächtnis: “Sprachpflege ist Menschenpflege” – denn aus Worten werden Taten. Und es wurde damals alles gesagt und es wird heute alles gesagt. “Das meinen die nicht so!” ist kein Argument, denn genau das hat schon einmal zu einem bösen Ende geführt. Das sagte er gleich zu Beginn der Veranstaltung und stellte damit klare Bezüge und Parallelen zur aktuellen politischen Lage her.

Es ist einmal geschehen, es kann wieder geschehen. Darum müssen wir erinnern, was war, um für die Gegenwart zu lernen. Und damit entführte er uns auf eine Reise in die Vergangenheit.

Zeitzeugenbericht Synagogenbrand

Wir trafen uns am Gedenkstein Daltropstrasse. Nur ca. 100 Meter entfernt hatte von 1765 bis 1938 die jüdische Synagoge gestanden, die in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 (der sog. Reichspogromnacht) niedergebrannt worden war. Fast zweihundert Jahre Geschichte – zerstört in einer einzigen Nacht.

Herr Ellermann verlas Passagen aus dem Bericht des Zeitzeugen Ludwig Lohmeyer. Dessen Bericht „Die Synagoge brennt“ gilt als eine der wichtigsten Quellen über die Ereignisse während des Pogroms im November 1938 in Gütersloh.

Herr Lohmeyer, der 1938 in direkter Nachbarschaft wohnte, hörte das klirrende Glas in der Nacht, lief aus dem Haus und sah die Plünderungen und das beginnende Feuer. Er sofort bei der Polizei an, doch diese beschwichtigen ihn nur “Herr Lohmeyer, wissen Sie denn nicht, was da passiert …?” … und anschliessend wurden ohne jede Eile die Zuständigkeiten zwischen Polizei, Feuerwehr und SS “hin und her geschoben”. Aber eingegriffen hat bekanntlich niemand. Unfassbar.

Wirklich gelöscht wurden die Brände auch erst am folgenden Tag – allerdings nicht die Synagoge selbst, sondern nur die Brandherde, die auf angrenzende Häuser überzuspringen drohten. Aus anderen Orten gab es sogar Berichte, dass man das Feuer bewusst auf naheliegende Gebäude ausweitete, um damit Bauverordnungen zu umgehen, die deren (gewünschten) Abriß verhindert hätten. Wie praktisch, kapitalistisch … und zynisch.

Quelle: Der Herzbergbericht über den NS-Terror in Gütersloh und Buchenwald / Helmut Gatzen und Wilhelm Pollmann 

Erst 1984 – mehr als 50 Jahre später – wurde der Gedenkstein an der Daltropstrasse errichtet. 2005 kam dann eine kleine, fast schon “verschämt” anmutende Gedenktafel hinzu, die in das Straßenpflaster von der ehemaligen Synagoge eingelassen wurde. Kaum doppelt so groß wie einer der bekannten “Stolpersteine”. Darauf steht “zerstört durch NS Willkür”. Herr Ellermann wiederholte diese Worte kopfschüttelnd, denn es war keine Willkür, kein “spontaner Mob”, sondern eine gut geplante und durchdachte Aktion.

Neuer / Alter jüdischer Friedhof?

Von der Daltropstraße ging es in die Böhmerstraße zum 1866 angelegten “neuen” jüdischen Friedhof, der den Nationalsozialismus überstanden hat und nicht zerstört wurde.

Selbst Gütersloherinnen und Gütersloher sind sich meistens nicht sicher, ob und warum es zwei jüdische Friedhöfe in der Stadt gibt, dabei ist es ganz einfach:

Der erste, also “ältere” jüdische Friedhof liegt an der Herzebrocker Strasse. Auf katholischen oder evangelischen Friedhöfen werden Grabstätten nach einiger Zeit aufgelöst und neu vergeben, so dass immer wieder “Platz entsteht” – nicht so bei jüdischen Gräbern. Diese sind vielmehr dauerhaft und “für die Ewigkeit” angelegt. Da also der ältere Friedhof schließlich belegt war und nicht erweitert werden konnte, wurde ein zweiter Platz benötigt, eben dieser “neue jüdische Friedhof” in der Böhmerstraße. Wobei “neu” hier relativ ist, denn dieser wurde 1866 eröffnet.

Beide Friedhöfe sind heute nur noch im Rahmen von Führungen zugänglich, so wie bei unserem VHS Spaziergang heute.

Neuer jüdischer Friedhof Böhmerstraße

Hier erfuhren wir nun weiteres über jüdische Friedhofskultur.

Am Eingangstor wunderten wir uns, dass noch keinerlei Gräber zu sehen waren. Das liegt daran, dass der Friedhof hier aus zwei Teilen besteht: Vorweg gibt es eine Art “Vorgarten” und erst dahinter – nach einem zweiten Tor – befinden sich die eigentlichen Grabstätten. Der “Vorgarten” mit seiner kleinen Allee von hohen Bäumen dient zur inneren Sammlung vor Betreten des eigentlichen Friedhofs, wurde aber auch ganz praktisch zum Abhalten von Versammlungen vor den Beerdigungen genutzt.

Im “Vorgarten” ist eine Reihe von Steinplatten ausgelegt. Darauf sind künstlerische Fotografien des Friedhofs zu sehen sowie weitere Informationen zur jüdischen Geschichte in Gütersloh. Diese Steinobjekte stammen vom Bielefelder Fotografen Veit Mette und waren 2022 im Rahmen des städtischen Projekts “re-mem-ber / Erinnern für die Zukunft” entstanden. Damals wurden sie zuerst bei einer Ausstellung auf dem Dreiecksplatz in Gütersloh gezeigt, nun haben sie hier einen dauerhaften Ort erhalten.

Leider sind unsere Fotos aufgrund des Regenwetters nicht ganz optimal geworden, darum haben wir den vollständigen und sehr lesenswerten Text von den Steinplatten abgetippt und hier als PDF hinzugefügt:

> PDF Download: Erinnern für die Zukunft – Begleittexte der Fototafeln

Kippa

Am Eingang des Friedhofs wies Herr Ellermann auf die Pflicht zur Kopfbedeckung für Männer hin (in einigen jüdischen Strömungen gilt diese auch für Frauen). Anders als in evangelischen oder katholischen Kirchen wird hier nicht “der Hut abgenommen”, sondern der Kopf bedeckt. Jüdische Menschen nutzen die Kippa, es genügt aber auch jede andere Form der Bedeckung. Die Kippa drückt Ehrfurcht vor Gott aus. Es ist ein Zeichen dafür, dass Gott über dem Menschen steht. Traditionell muss die Kippa vor allem beim Gebet, dem Studium religiöser Texte und während eines Synagogen- oder Friedhofsbesuchs getragen werden.

Herr Ellermann selbst zeigte auch hier wieder eine große Sensibilität, denn er ist zwar nicht jüdisch, setzte aber eine echte Kippa auf. Er betonte dabei, dass dies keine kulturelle Aneignung sei, sondern ein Geschenk jüdischer Freunde war und er sie deswegen aus freundschaftlicher Verbundenheit tragen dürfe.

Dabei erzählte er von wunderbaren Treffen mit muslimischen, jüdischen und christlichen Freunden, die sich durchaus und mit Stolz mit ihrer jeweiligen Reiligion und Nationalität identifizierten und dennoch vollkommen gleichberechtigt miteinander leben und feiern konnten. So sollte das Leben sein.

Der Toten respektvoll gedenken, aber auch das Leben miteinander feiern

Diese Lebensfreude jenseits aller kulturellen und religiösen Grenzen hatte Herr Ellermann immer wieder in allen Begegnungen gespürt – und sie war allen Menschen wichtig, wie schlimm ihre Geschichten auch waren, mit denen er im Laufe seines privaten aber auch seines beruflichen Lebens als Historiker gesprochen hatte.

So berichtete er auch von Dr. Martin Goldstein, der sich als Bielefelder Jude im Frühjahr 1945 in den Wäldern hier in der Umgebung versteckt hatte. Große Überraschung: Dr. Martin Goldstein arbeitete später als sogenannter “Dr. Sommer” für das Jugendmagazin Bravo! (NW: “Ich war Dr. Sommer”).

Trotz oder gerade wegen der schlimmen eigenen Erfahrungen war und ist es so vielen Menschen so wichtig, dass die Geschichte nicht vergessen wird, dass daraus für die Zukunft gelernt wird, vor allem aber auch: dass das Leben dennoch weitergeht.

Und mit diesen Anekdoten und Erzählungen machte Herr Ellermann es uns leicht, den Respekt für die Grabstätten und das Andenken an die Toten mit echtem, offenem Interesse für die Geschichten dahinter zu verbinden.

“Ein Grenzstein für das Leben, aber nicht für die Liebe.”

Viele von uns kennen die Steinchen, die auf jüdische Gräber gelegt werden. Sehr berühmt ist bspw. die Schluss-Szene aus Spielbergs Film “Schindlers Liste”, in der die Schauspieler:innen und Überlebenden Hand in Hand am Grab von Oskar Schindler vorbeiziehen und gemeinsam kleine Steine darauf ablegen.

Dieser jüdische Brauch ist ein Zeichen des Gedenkens, des Respekts und der Ehrerbietung. Die Steinchen sind quasi ein “Besuchsnachweis”, um zu zeigen, dass jemand am Grab war und dass die Verstorbenen nicht vergessen sind. Anders als bei den meisten anderen Religionen werden im Judentum die Gräber traditionell nicht bepflanzt oder mit Blumen geschmückt, da diese verwelken. Die Steine hingegen stehen für das bleibende Andenken, passend zum Konzept des „ewigen Hauses“ (Bejt Olam) für jüdische Gräber. Der Brauch entstand aus der Praxis, Gräber in der Wüste mit Steinhaufen vor wilden Tieren und Verwitterung zu schützen. Auf Hebräisch werden die “Erinnerungssteine” Even Zikaron genannt, auf Jiddisch Steinlekh. Sie sind zwar keine religiöse Pflicht, aber eine traditionelle Geste und auf fast allen jüdischen Friedhöfen üblich.

Hierzu passt auch die Inschrift auf einem der Gräber “Ein Grenzstein für das Leben, aber nicht für die Liebe.”

Wie auch auf dem Text der Steintafeln im Friedhofsvorgarten nachzulesen war, sind die Gräber nach Osten, nach Jerusalem ausgerichtet. Viele sind auf der Ostseite mit hebräischen, auf der anderen Seiten mit lateinischen Inschriften versehen.

Die Kindergräber von Gütersloh

Zwei Kindergräber auf dem Friedhof sind eine Besonderheit – sie waren viele Jahre namenlos. Das motivierte einige Schülerinnen und Schüler der Anne Frank Schule in den 1990er Jahren zu weiteren Nachforschungen. Sie schafften es tatsächlich, die Namen und vieles mehr zur jüdischen Geschichte in Gütersloh im Nationalsozialismus in Erfahrung zu bringen. Das alles wurde schliesslich in einem kleinen Buch zusammengefasst, das wir uns gelegentlich noch genauer anschauen werden:

„Die Kindergräber von Gütersloh: Schüler auf den Spuren jüdischer Zwangsarbeiterinnen“
Gütersloh, Anne-Frank-Schule & Stadt Gütersloh (1993)
https://neu.aggb-katalog.de/vufind/Record/ger.19940810164730
auch auszugszweise nachzulesen in
https://www.hans-juergen-zacher.de/wp-content/uploads/2018/11/aufsatz-tribuene-58-63.pdf

Durch den “Zahn der Zeit” ist inzwischen leider nur noch eines der beiden Kindergräber einigermaßen gut erkennbar:

Lebenswege

Wir hatten ausreichend Zeit, uns in aller Ruhe die Inschriften und einzelnen Grabstätten anzusehen. Die meisten Sterbedaten lagen vor der NS-Zeit, denn mit dem Naziregime begannen auch die Auswanderungen, Deportationen und teilweise untersagten Beerdigungen.

Die jüdische Geschichte in Gütersloh, die 1721 begonnen hatte, endete 1943 – nach 222 Jahren. Seither existiert keine jüdische Gemeinde mehr in Gütersloh.

Als eines der Beispiele für den Wahnsinn des Nationalsozialismus wurde von Familie Hope berichtet, die hier ebenfalls einige Ruhestätten hat. Paul Hope hatte im ersten Weltkrieg auf einem deutschen U-Boot gedient. Die Metzgerei der Familie war dann im Nationalsozialismus enteignet worden und für ihn begann eine Odyssee über den Harz nach Berlin. Schliesslich wollte er nach Südamerika fliehen. Auf dem Weg dahin wurde er jedoch in einem französischen Auswandererlager von der Gestapo verhaftet und 1942 in Auschwitz umgebracht.

Über diese Geschichte kamen wir auch auf das französische Lager Drancy zu sprechen. Das französische Sammellager für die Deportationen in die Konzentrationslager hat leider viel zu viele solcher Leiden gesehen:

Paul Hope stand beispielhaft als einer von vielen Lebenswegen, die die Nazis auf grausame Weise beeinflusst haben. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, die Geschichte des Kaufhauses Gottschalk / Wiesenhöfer und einiges mehr in Gütersloh noch einmal genauer zu recherchieren.

Abschluß

Herr Ellermann hatte noch einige Geschichten zu erzählen – und wir sind uns sehr sicher, dass wir ihn bei weitere Veranstaltungen wiedersehen. Unsere Empfehlung ist sein nächster Stadtrundgang:

Er ist auch in der Wewelsburg und darüber hinaus aktiv, ausserdem bietet er einen Vortrag an: “Aufstieg und Fall von Diktaturen”. hierauf werden wir von der AG Geschichte aus bestimmt zurückkommen.

Wir bleiben in Kontakt und sagen sehr herzlichen Dank für diesen interessanten, nachdenklichen, bewegenden und “aus der Vergangenheit für die Gegenwart” lehrreichen und motivierenden Nachmittag!

OMAS GEGEN RECHTS OWL / Gütersloh
omasgegenrechtsowl@gmail.com