28.09.26 Lesung Sally Lisa Starken
28.09.26 Lesung Sally Lisa Starken

28.09.26 Lesung Sally Lisa Starken

Die Ev. Erwachsenen- und Familienbildung Westfalen und Lippe e.V. hatte zusammen mit dem Bündnis gegen Rechts im Kreis Gütersloh in die Stadtbibliothek Gütersloh eingeladen:

28.09.2026 – 19:00 Uhr
Lesung und Diskussion „Wenn der rechte Rand regiert“ (Sally Lisa Starken)

Die Autorin und Podcasterin Sally Lisa Starken analysiert, wie sich das politische Klima nach rechts verschiebt, populistische Parteien an die Macht kommen und Demokratien unter Druck geraten. Sie zieht internationale Beispiele (USA, Italien, Polen) heran, um Muster und Gegenstrategien aufzuzeigen. Es geht um die schleichende Normalisierung autoritärer Politik und die Herausforderungen für demokratische Staaten, wenn rechte Kräfte regieren oder die Mitte nach rechts rücken, so die Autorin.

Nach ihrem ersten Buch „Zu Besuch am rechten Rand“ nun also das neue Buch „Wenn der rechte Rand regiert“, mit dem Untertitel „USA, Italien, Polen – Deutschland: Demokratien am Kipppunkt? — Was wir jetzt für unsere Zukunft tun müssen“

Überblick: Wie sieht es aus, wenn „Demokratien kippen“, wenn Medien und Justiz in Frage gestellt werden und demokratische Grundlagen zur „Vehandlungssache“ werden? Was können wir aus anderen Ländern, in denen diese Entwicklungen schon viel weiter vorangeschritten sind, lernen?

Hiervon berichtete Sally Lisa Starken in einer Mischung aus Analysen und persönlichen Berichten – und die zwei Stunden vergingen „wie im Flug“.

Unsere Zusammenfassung mit Ergänzungen:

Zur Ausgangslage

Der „Rechtsruck“ ist kein isoliertes Ereignis, er findet international und europaweit statt. Deutschland ist dabei keine Ausnahme, sondern sogar eher ein „Schlusslicht“. Darum können und müssen wir hinschauen, wie der Aufstieg autoritäter Kräfte anderswo aussieht, aus internationalen Beispielen lernen und daraus Anleitungen und Ideen für Veränderungen entwickeln.

Insebsondere verwies sie auf die „Gefährlichkeit der beruhigenden Selbsttäuschung“ – denn antidenokratische Kräfte haben leichtes Spiel, wenn nicht reagiert wird. „Bei uns kann so was nicht passieren“ ist eben NICHT richtig.

Zitat:

Wir sagen uns: So schlimm kann es nicht werden, oder: Das ist ja nochmal gut gegangen.
Jeder dieser Sätze fühlt sich beruhigend an. Und jeder dieser Sätze wurde schon gesagt, bevor Autoritäre irgendwo an die Macht kamen.
Aber:
Rechtsextreme sagen, was sie tun wollen. Und dann tun sie es.
Und deswegen müssen wir jetzt da raus.
(Sally Lise Starken auf Instgram)

Denn schlimm wird es nur, wenn wir uns nicht bewegen.

Die internationalen Erfolge der Rechten zeigen, wie schnell es überall passieren kann. Und dabei lernen die autoritären Kräfte weltweit voneinander und kopieren die „erfolgreichen“ Maßnahmen, so dass sie immer besser werden.

Die Agenda

Rechte Strukturen in Deutschland haben lange, tiefreichende Wurzeln. Aber der aktuelle Plan und das Strategiepapier, das B. von Storch für die Af* in Deutschland entwickelt hat, sind darüberhinaus eng mit den Vorgaben der MAGA (Make America Great Again) Bewegung in den USA verknüpft.

Der MAGA-Masterplan ist das Project 2025, das im April 2023 von der US-amerikanischen Denkfabrik The Heritage Foundation veröffentlicht wurde. Project 2025 ist ein über 900 Seiten umfassender politischer Plan zur radikalen Umgestaltung der US-Bundesregierung.

Darin wird beschrieben, wie die Autoritären quasi in „Salami-Taktik“ eine Scheibe nach der anderen von der Demokratie „abschneiden“, um zu ihrem Ziel zu gelangen:

1. Institutionen angreifen
Spielregeln mißachten, Austausch von Besetzungen, ständiges in Frage stellen, unglaubwürdig machen, so daß nicht mehr den etablierten Institutionen, sondern nur noch den Autokraten vertraut wird. Auch wir kennen das: Von einem „Dauerfeuer“ verschiedener Anträge und Anfragen in den Bundes- und Landesparlamenten bis zur Agitation gegen Neubesetzungen bei wichtigen öffentlichen Ämtern.

2. Medien ersetzen
Aufbau eines eigenen Mediensystems: Etablierte Medien werden auf Veranstaltungen entweder gar nicht zugelassen oder hinter Absperrungen gestellt und schlecht behandelt. Sally Lisa Starken berichtete von unverschämten, übergriffigen Security,-Menschen, die natürlich aus den eigenen, rechten Reihen rekrutiert ist. Gelegentlich decken dabei große Pflaster die tätowierten Symbole verbotener Organisationen ab. Versorgung für Journalist:innen auf den meist langen Veranstaltungen Fehlanzeige. Auf einer Veranstaltung wurden sogar die Dämpge einer Nebelmaschine in den Pressebereich abgeleitet. Bevorzugt werden eigene Medien und rechte Streamer (wie Aktivistman, Weichreite, Utopia TV), sogar mit eigenen, nicht offiziellen „Presse-Ausweisen“.

3, Wahlen
Auch hier wird Unglaubwürdigkeit geschürt, die Erzählung einer „unfairen Staatskontrolle“ verbreitet und Druck aufgebaut. Ganz nach dem Beispiel der USA, wo die MAGA Bewegung den Code „45 – 47“ nutzt. Das Kürzel soll bedeuten, dass Trump nicht nur 45ter und 47ter Präsident ist, sondern „in Wahrheit“ 45ter BIS 47ter Präsident. Die Wahl dazwischen seit von Joe Biden nur „gestohlen“ worden – und das wird als „The Big Lie“ (Die große Lüge) vermarktet..

4. Zivilgesellschaft
Die Zivilgesellschaft muss sich ohnmächtig fühlen und „erstarren“, damit keine Gegenwehr mehr herrscht. Desinformation, „Alternative Fakten“, Überforderung, Vertrauensverlust, Handlungsdruck, Resignation, Polarisierung. Auch hier sind die USA wieder Vorbild, mit Steve Bannons Konzept „Flood the zone with shit„.

Wir kennen das inzwischen alle. ABER – hier sind wir in Deutschland noch recht stabil und müssen es auch bleiben! In allen kürzlichen Wahlen in Deutschland hat sich gezeigt, dass durch das stabile „Gegenhalten“ der Zivilgesellschaft zumindest noch eine absolute Mehrheit der Autoritären verhindert werden konnte. „Scheibe 4“ ist hier also noch nicht abgeschnitten!

Doch gerade für die Zivilgesellschaft gibt es gute Gegenstrategien, und wir können alle etwas tun:

  • Bildung und Medienkompetenz: Frühzeitiges Erkennen von manipulativen Kommunikationsmustern.
  • Starke Institutionen: Festhalten an klaren rechtsstaatlichen Regeln statt Aufregung über jedes Störfeuer.
  • Vernetzung: Solidarität und Zusammenarbeit innerhalb demokratischer zivilgesellschaftlicher Netzwerke stärken.

Identifikation

Eine Agenda ist gut, aber es braucht viele Menschen, die „der Sache folgen“. Darum ist eine starke Identifikation mit der Gruppe der wesentliche Kernpunkt autoritäter Bewegungen. Starke Identifikation führt dazu, sich selbst nicht mehr in Frage zu stellen. Diese „Verblendung“ wird von Autoritären genutzt.

Um die Menschen „einzufangen“ muss für jede Gruppe eine Geschichte erfunden werden, die zu ihrem Problem passt – denn wer einen Schuldigen hat, wertet andere ab und damit sich selbst auf. Beispiele dafür können wir alle zur Genüge bringen.

Welche nahezu religiösen Züge das annimmt, erzählte Sally Lisa Starken anhand vieler Reiseberichte aus den USA …

  • … aus Washington:
    vom National Archives Museum in Washington, in dem die amerikanische Verfassung ausgestellt ist. Der Weg durch das Museum endet unausweichlich in einem Souvenir-Shop. Doch statt Mitbringseln, die mit der Verfassung zu tun haben, ist dieser voll mit Trump-„Devotionalien“ – vom T-Shirt über Trump-Wackeldackel bis zu Ohrringen mit dem Bild seiner Frau.
  • … aus Kalifornien:
    vom Besuch bei einer Familie, die einen regelrachten „Trump-Altar“ zu Hause haben (und damit nicht die einzigen sind) . Weiß, privilegiert, viele Waffen. Und so steht es auch über dem Altar: „God. Guns. Trump.“
  • … aus Phoenix (Ariona):
    von der Feier zum Gedenken an den ermordeten Turning-Point-USA-Gründer Charlie Kirk. Dort fühlte sich die autoritäre Gruppen-Identifikation wie ein religiöser Massenwahn an. Andersdenkende geraten dadurch regelrecht in Panik. So fragte ihr Gastgeber (den sie privat aus einem Onlineverzeichnis herausgesucht hatte, um nicht in einem Hotel voller MAGA-Menschen zu landen) noch vor dem Einlass, was genau sie in Phoenix wollte. Erst nachdem sie ausdrücklich versichert hatte, dass sie unabhängige Berichterstatterin sei, wurde sie hereingebeten. Und diese Panik ist nicht unbegründet, wenn Menschen wie „MAGA-Meister“ Steve Miller Auftritte wie Joseph Goebbels inszenieren.

Dermaßen starke Identifkation funktioniert am besten bei den Menschen, die davon profitieren.

Und grundsätzlich profitieren diejenigen, die bereits Besitz und Stauts haben, von autoritären Bewegungen am meisten.

Darum sind Konservative auch so leicht von autoritären Konzepten zu überzeugen, denn ihnen ist die Sicherung der eigenen Privilegien wichtiger als eine Neuordnung der Gesellschaft oder die Entwicklung innovativer Ideen als Reaktion auf veränderte Bedingungen.

Aber: Eine demokratische, zukunftsortientierte Gesellschaft verabschiedet sich von sich selbst, wenn sie das zulässt.

Alarmsignale, deren Echo längst bis nach Europa reicht

Die Verschmelzung von Nationalismus, Autoritarismus und religiöser Macht, das Brainwashing durch Identifikation – alles nichts Unbekanntes.

Wir denken an Freibier und Bratwurst, die ein „geflügeltes“ Wort aus den jüngsten Af* Wahlkämpfen geworden sind und zu diesen Instrumenten gehören. Wir denken daran, wie sich Menschen in rechten Gruppen auf einmal stark fühlen – und dann nebenan beim Bäcker, wo sie wieder alleine stehen, kaum noch auffallen

Und das alles ist leider oft auch noch ein „sich selbst verstärkender Kreislauf“, denn: Gruppenzugehörigkeit ist ein Manko der Demokratie. Weil das Angebot eben größer ist, müssen Menschen in einer vielfältigen Demokratie ihren Platz erst suchen. Wer aber ein starkes Sicherheitsbedürfnis hat, fühlt sich dabei nicht wohl. Und genau diesen Moment der Unsicherheit nutzen autoritäre Gruppen sofort: Komm zu uns. Hier musst Du nicht lange nachdenken, nichts erklären, Dich nicht finden. Du bist einfach dabei und wir sind bei Dir. Freibier und Bratwurst.

Was können wir dagegen tun?

Sally Lisa Starken verwies auf zwei Ansätze:

A) Politik

Die Politik ist falsch damit umgegangen. Nicht die CDU hat die Af* halbiert, sondern andersrum.

Was wir brauchen, ist eine Umkehr, sind Zukunftsvisionen. Polen und Ungarn haben es vorgemacht. Dabei ist es wichtig, ganz direkt und auf kommunaler Ebene wieder mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Es geht dabei um Augenhöhe, d.h. es müssen so manche „arroganten“ politischen Ansätze überwunden werden. Und es muss um Inhalte gehen. Nicht mehr nur „Anti-Af*“, sonder pro Wohnungen, Arbeit, Inegration, Pflegesystem, Rente. Wenn nnur noch auf die Rechten re-agiert wird, kommen neue Ideen und echte Alternativen einfach zu kurz.

Das Vertrauen in die Politik mus sauf kommunaler Ebene wiedergewonnen werden – ständig, nicht nur im Wahlkampf.

B) Zivilgesellschaft

Wir müssen wieder an die „Wirkmacht“ glauben, die wir selbst haben.

Wir selbst können unsere Umgebung beeinflussen, können eigene Fragen stellen, können diskutieren. Wir müssen auch wieder mehr reflektieren, statt nur zu reagieren, mehr nachdenken und umdenken: Was? Warum? Wie? Weg von kurzen Schlagzeilen,  zurück zum Hinterfragen.

Den „demokratischen Anker“, den uns unserer freiheitliche Grundordnung gibt, wieder verstärkt nutzen – und diesen auch anderen anbieten und erklären.

Waurm schaffen Menschen Dinge? Die häufigste Antwort: „Weil da wer war, der an mich geglaubt hat.“

Und wir müssen uns wieder Raum geben, „was zu sagen“.

So, wie an diesem Abend.

Diskussion

Bei der anschliessenden Publikumsdiskussion zeigte sich, dass viele aktuell genau das beschriebene „Dilemma“ erfahren: Menschen folgen den einfachen Phrasen der Autoritären bis hin zum „Realitätsverlust“ und scheinen „nicht mehr erreichbar“ zu sein. Es erscheint geradezu „unfair“, dass es eben schwerer ist, Demokratie zu erleben und  zu erklären, als simplen „Schlagwörtnern“ zu folgen.

Unser persönlicher „Aha“-Moment: Rechte Streamer wenden sich in ihren Berichten ja immer gern an die Zuschauenden, indem sie die Namen vorlesen und Grüße ausrichten an die, die beim Stream zuschauen. Was wir bisher einfach nur albern fanden, hat jetzt eine Erklärung: Es ist Teil der Gruppenbindung.

Eine andere These aus der Diskussion, dass Rassismus „an sich“ in allen Menschen verankert sei, es nur auf den Umgang damit ankomme, fand weniger Zuspruch. Die Zeit reichte leider nicht, um das damit angesprochene Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer) nochmal korrekt wiederzugeben. Mehr dazu siehe u.a. > Bundeszentrale für politische Bildung

Natürlich wurde in der Diskussion auch wieder angesprochen, dass das „GEGEN RECHTS„, das wir OMAS, aber auch viele andere Gruppen und Bündnisse im Titel haben, doch besser mit einem „FÜR …“ umbenannt werden sollte. Lustige Antwort von Sally Lisa Starken: Das habe ich auf jeder Veranstaltung. Und auch immer mindestens drei OMAS in der ersten Reihe, die dann (zu Recht) laut aufseufzen … 🙂

Wir meinen: Es ist eben wie bei einem Buch – nicht allein der Titel zählt, auch der Inhalt ist wichtig. Und wer sich (wie zuvor in der Diskussion angesprochen) andererseits beschwert, dass „alle Menschen“ nur noch auf kurze Parolen hören, sich aber nichts mehr erklären lassen und sich nicht mehr um Hintergründe bemühen, kann hier selbst den ersten Schritt machen 😉

Wir hätten noch lange weiterdiskutieren können 🙂

Der Abend war jedenfalls eine gute und wichtige Motivation – und lieferte vor allem klare Begründungen, um weiterzumachen!

Ein herzliches Dankeschön, wir bleiben in Kontakt!

Sandra
OMAS GEGEN RECHTS OWL  / Gütersloh
Kontakt: omasgegenrechtsowl@gmail.com

Fotos: Anja und Sandra