Angekündigt war der Stadtrundgang der VHS mit Herrn Ellermann so:
>> Wo war in Gütersloh das Büro der NSDAP, wo das der freien Gewerkschaften, das am 2. Mai 1933 besetzt wurde? Welche Rolle hat die Polizei während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs gespielt? Welche jüdischen Geschäfte gab es? Wie sind die Pogrome gegen die jüdischen Bürger*innen 1938 verlaufen? Diesen und anderen Fragen wird der Stadtrundgang nachgehen. <<
Leider spielte das Wetter überhaupt nicht mit. Zuerst waren es nur bedrohliche Wolken, dann brach ein Unwetter los. Dadurch war das Programm leider reduziert. Weitere Informationen gibt es u.a. hier:
- guetersloh.de: Nationalsozialismus in Gütersloh
- LWL Portal “Westfälische Geschichte”: Nationalsozialismus in Gütersloh
- Zeitstrahl: Historie der Stadt Gütersloh
- PDF: Bücherliste Gütersloh im Nationalsozialismus
Altes Rathaus
Vom Stadtmuseum aus ging es auf den Berliner Platz, dem Standort des alten (1971 abgerissenen) Gütersloher Rathauses. 1929 wurde hier die NSDAP in Gütersloh gegründet. Danach begann der NS-idelogische Umbau von Verwaltung und Stadtgesellschaft.
Als Buchtipp wurde “Bleib übrig” von Ulrich Frodien genannt. Er beschreibt eindrucksvoll am Beispiel seiner Heimatstadt Breslau (was aber inhaltlich auf alle Städte unter der NS-Diktatur übertragbar ist), wie eine ganze Stadt moralisch zusammenbricht und alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens nicht mehr gültig zu sein schienen.
Zeitung als Zeitzeuge
Es wurden u.a. mit historische Zeitungsausschnitten aus dem Stadtarchiv gezeigt:
- 1932-33: Anpassungen und Verbote in den Gütersloher Gewerkschaften, Vereinen und öffentlichen Diensten
- 1935: Umsetzung von Arbeitsdiensten
- Auch die Geschäftswelt wurde NS-konform ausgezrichtet. Die Schlagzeilen dazu lauteten u.a. “Das deutsche Geschäft” und “Hier verkehrt der Nationalsozialist“. Es gab große Werbeanzeigen für die Ausstattung mit NS-Uniformen (denn diese mussten privat angeschafft und bezahlt werden!). Neben den offiziellen Zeugmeistereien konnten NSDAP-Mitglieder Uniformhemden (das typische “Braunhemd”), Krawatten, Mützen und Abzeichen auch bei autorisierten lokalen Herrenausstattern und Schneidereien erwerben, die Parteiausrüstung vertrieben. Damals wie heute sind es also auch Geschäftsmachereien, die menschenverachtende Ideologien unterstützen. Dazu gab es ein Zitat eines Firmeninhabers: “Ich hab schon immer gern mit Diktaturen gearbeitet, denn die kennen keine Arbeitnehmer-Rechte.”
- 1936: Ein Zeitungsbild zeigt die Beflaggung des Rathauses mit großer NS- und Olympia-Fahne
- 1937: Ausschnitte aus dem Einwohnerbuch zeigen nicht nur die Namens- und Geburtsdaten, sondern auch die Parteizugehörigkeiten, wodurch weiterer gesellschaftlicher Druck aufgebaut wurde
wurde betont, dass das alles nicht nur durch das aktive Tun der Nationalsozialisten, sondern vor allem auch durch das “Mitlaufen”, durch persänliches Gewinnstreben sowie durch das Nicht-Eingreifen, das Unterlassen und Hinnehmen aller anderen möglich war, denn:
“Die Stärke der Nazis ist nicht die Stärke der Nazis, sondern die Schwäche der Demokraten”.
Dreiecksplatz
Es ging weiter zum Dreiecksplatz, der zu NS Zeiten “Horst Wessel Platz” hiess (Horst Wessel wurde übrigens in Bielefeld geboren). Hier wurden Aufmärsche abgehalten, oder – wie es Herr Ellermann gern zitiert:
„So geht die Freiheit zugrunde – mit donnerndem Applaus.“ (Zitat aus Star Wars)
Ein Bild des Platzes von der Fahnenweihe 1934 (auch > hier im LWL Archiv zu sehen) zeigt eine Besonderheit: Im Hintergrund links am Fenster ist eine Person zu sehen – Paul Meinberg, ein jüdischer Viehhändler, der 1941 mit seiner Familie auswanderte. Andere Teile der Familie wurden im Holocaust ermordert.
Kommentar zur Fahnenweihe: “Vor dem Mord kam das Wort.”
Theodor-Heuss-Platz
Auf dem Theodor-Heuss-Platz, direkt neben de Dreieckpplatz, stand bis zu den Pogromen 1938 das Haus der jüdischen Familie Meinberg. Heuter erinnern dort einige Stolpersteine an die ermordeten Bewohnerinnen.
Das Haus der Familie Meinberg an der Feldstraße wurde am 10. November 1938 von Nationalsozialisten angezündet und zerstört. Josef Meinberg und seine Frau mussten daraufhin – wie viele andere jüdische Einwohner Güterslohs – in eines der beiden “Judenhäuser” ziehen, die in der Bismarck- und Kahlerstrasse als Ghetto dienten. Josef Meinberg starb 1941 und war der letzte Verstorbene, der auf dem jüdischen Friedhof in Gütersloh beigesetzt wurde. Sofie Meinberg wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert.
Über den Titel des Platzes (Theodor-Heuss-Platz) kamen wir darauf zu sprechen, welche Rolle viele Persönlichkeiten der Bundesrepublik während der Nazi-Zeit hatten – und auch darauf, dass das Gedankengut der Nazis auch nach 1945 weiterlebte.
Die Diskussion führte bis hin zum Weizsäcker-Skandal: Der Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war im November 2019 ermordet worden. Als Motiv gab der Attentäter an, sich für das Leid rächen zu wollen, das durch das Entlaubungsmittel Agent Orange im Vietnamkrieg verursacht wurde. Er konstruierte eine persönliche Mitschuld der Familie von Weizsäcker, da Richard von Weizsäcker in den 1960er Jahren in der Geschäftsführung des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim tätig gewesen war. Auch während der NS-Zeit war die Rolle von Boehringer Ingelheim geprägt durch wirtschaftliche Anpassung an das Regime, Kriegsgewinnen und den Einsatz von Zwangsarbeitern.
Wie bereits zu Anfang erwähnt wurde – die Gewinn-Interessen in Diktaturen sind einfach zu groß.
Evangelisch Stiftisches Gymnasium Gütersloh (ESG)
Durch die Feldstraße ging es wieder zum Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG). Dies war während des Nationalsozialismus stark zwischen Anpassung und Widerstand gespalten. Die Schulleitung sympathisierte mit den gleichgeschalteten “Deutschen Christen”, während mutige Lehrkräfte unter Einsatz ihres Lebens Widerstand leisteten. Die wurde u.a. in der Jubiläumsschrift “In medias res – 150 Jahre ESG Gütersloh (2001)” im Kapitel “Die Penne unterm Hakenkreuz” aufgearbeitet (Auflage vergriffen, im Stadtarchiv nachzulesen).
Mahnmal Daltropstraße
Das Mahnmal in der Daltropstraße 5 in Gütersloh (ehemals Goebenstraße) erinnert an den Holocaust, die einstige jüdische Gemeinde und die während der Reichspogromnacht 1938 zerstörte Synagoge. Jedes Jahr finden hier Gedenkfeiern statt. Die Anteilnahme ist groß, allerdings erwähnten alle Teilnehmenden, dass sich das ESG hier noch deutlicher einbringen könnte.
Die Straße wurde in die Daltropstraße umbenannt, um an die jüdische Familie Daltrop zu erinnern, die unter den Holocaust-Opfern in Gütersloh die meisten Verluste zu beklagen hatte. Von den 62 jüdischen Bürgern, die 1932 in Gütersloh lebten, wurden 27 in Konzentrationslagern ermordet.
- Stolpersteine Gütersloh
- Die jüdische Gemeinde in Gütersloh
- S. auch unser Bericht “Spaziergang zum jüdischen Friedhof”
Ehem. Jüdische Synagoge
Nur wenige Schritte befand sich die ehemalige jüdische Syngoge, die während der Pogrome 1938 vollständig zerstört wurde. Heute weist nur noch eine kleine Plakatte auf dem Gehweg darauf hin. Ausführliche Informationen dazu haben wir in unserem Bericht “Spaziergang zum jüdischen Friedhof”
Abschluß
An dieser Stelle wurd das Unwetter leider so stark, dass ein verständliches Gespräch kaum noch möglich war. Wir beendeten den Rundgang mit einigen Film- und Buchtipps:
- PDF: Bücherliste Gütersloh im Nationalsozialismus
- Film “1, 2, 3” Billy Wilder
- Ralph Giordano: “Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte”
- Heimatverein Rheda / Jochen Sänger: “Das graue Band”
- Jörg Friedrich: “Kalte Amnestie – NS Täter in der Bundesrepublik”
Wir werden Herrn Ellermann sicherlich wiedersehen – bei einem seiner Vorträge (er hält auch etwas zum Thema “Parolen Paroli bieten”) oder bei unserem geplanten Rundgang in der Wewelsburg.
OMAS GEGEN RECHTS OWL / Gütersloh
Kontakt: omasgegenrechtsowl@gmail.com











